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Epilepsie – die Krankheit

Was ist Epilepsie?
Im menschlichen Gehirn wirken 20.000.000.000 (20 Milliarden) Nervenzellen derart zusammen, dass Bewegung, Denken, Wahrnehmen usw. möglich wird. Störungen in diesem System können unter Umständen epileptische Anfälle auslösen. Von einer Epilepsie spricht man, wenn mindesten zwei dieser Anfälle wiederholt ohne erkennbare Ursache oder Auslöser auftreten. In der Bundesrepublik Deutschland sind etwa 800.000 Menschen an Epilepsie erkrankt.

Gibt es verschiedene Epilepsie-Formen?

Der Krankheit Epilepsie sind zwei Typen von Anfällen zugeordnet:

  • Fokale Anfälle: Entstehen an einem bestimmten Ort des Gehirns und bleiben oft einseitig beschränkt auf diesen Teil des Gehirns. Manchmal werden fokale Anfälle angekündigt durch Vorboten, die als Auren (Dauer von Sekunden bis wenige Minuten) bezeichnet werden. Eine Aura kann sich beispielsweise als Übelkeitsgefühl, Geschmacks- oder Geruchsempfindung äußern. Typisch ist auch ein Fremdheitsgefühl in sonst vertrauter Umgebung oder umgekehrt das Erleben von Vertrautheit oder Wiedererkennen in einer unbekannten Umgebung.
  • Generalisierte Anfälle: Bei diesem Anfallstyp ist von Anfang an das gesamte Gehirn betroffen.

Die Bezeichnungen „fokal“ bzw. „generalisiert“ beziehen sich nur auf den Ausgangspunkt des Anfalls im Gehirn und nicht auf die Schwere oder den Ablauf des Anfalls.

In welchem Alter beginnen Epilepsien?
Die Inzidenz, das ist die Zahl der neu erkrankten Personen pro 100.000 Menschen in der Bevölkerung, ist im ersten Lebensjahr und jenseits des 60. Lebensjahres am größten und fällt U-förmig im mittleren Lebensalter ab. Etwa 2 -5 Prozent der Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an Epilepsie. Somit gehört die Epilepsie zu den häufigsten Erkrankungen des Gehirns überhaupt.

Hören Epilepsien in der Pubertät auf?
Gelegentlich hört man, dass Epilepsien, die im Schulalter auftreten, mit der Pubertät enden. Tatsächlich ist es so. Hierbei spielt aber nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand die Pubertät selbst keine Rolle. Es handelt sich eher um die Erfahrung, dass in einem gewissen Prozentsatz die Epilepsie spontan oder nach Behandlung geheilt ist.

Keinesfalls sollte man sich darauf verlassen, dass ohne Behandlung mit der Pubertät die Epilepsie aufhört.

Hören Epilepsien von selbst auf?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil nicht alle Kranken mit Epilepsie einen Arzt aufsuchen oder in ärztlicher Behandlung bleiben. Dies trifft insbesondere zu, wenn die Anfälle aufgehört haben, sei es mit oder ohne Behandlung. Da diese Kranken nicht mehr erfasst werden, bleibt ungewiss, wie häufig Epilepsien von selbst aufhören. Nach mehreren großen Untersuchungen, in denen auch Kranke erfasst wurden, die nicht den Arzt aufsuchten, ist anzunehmen, dass ein beträchtlicher Prozentsatz der Kranken, etwa die Hälfte, an Epilepsien erkrankt, die nach anfänglicher Behandlung, auch nach Weglassen der Medikamente, anfallsfrei bleiben.

Die Zahl von 50 Prozent gilt zusammenfassend für alle Arten von Epilepsien. Ganz sicher bestehen zwischen den einzelnen Epilepsien erhebliche Unterschiede. Daher kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Epilepsie von selbst aufhört, ohne dass man einen Arzt aufsucht.

Sieht jeder Anfall gleich aus?
Verschiedene Patienten werden ganz unterschiedlich stark von ihrer Erkrankung beeinträchtigt. Anfälle können „leicht“ oder „schwer“ verlaufen. Leichte Anfälle können u. U. sogar unbemerkt bleiben, während schwere lebensbedrohlich verlaufen können. Unterschieden werden die Anfallsformen weiterhin danach, ob sie mit Bewusstlosigkeit einhergehen oder nicht.

Es treten verschiedene Anfallsformen auf:

  • Tonisch-klonischer (auch: Grand mal-Anfall, großer Krampfanfall): Ausgeprägte Krämpfe am ganzen Körper zusammen mit Bewusstlosigkeit. Zunächst sind Gesicht, Körper und Gliedmaße angespannt, dann treten heftige rhythmische Zuckungen auf. Die Haut verfärbt sich häufig blass-blau, es kann zu unkontrolliertem Urinabgang oder zu Bissverletzungen der Zunge kommen.
  • Einfacher fokaler Anfall: Das Bewusstsein bleibt erhalten, die Symptome hängen von der betroffenen Region des Gehirns ab. Es können Missempfindungen, Hör- oder Lichteindrücke entstehen. Auch psychische Symptome, z. B. plötzliche Freude oder Angst, oder motorische Störungen wie Muskelkrämpfe und -zuckungen gehören zu den Anfallserscheinungen.
  • Komplex fokaler Anfall (wird auch psychomotorischer Anfall oder Dämmerattacke genannt): Sonderbares, sinnloses Verhalten unterschiedlichster Art, Bewusstseinstrübung, Änderung des Gesichtsausdrucks oder unvermitteltes Lachen, Brummen oder Schmatzen.
  • Absence(früher auch Petit mal): Unscheinbarer Anfall in Form einer plötzlichen „Weggetretenheit“, Innehalten und eventuell Zuckungen der Augenlider. Dauer meist nur 20 bis 30 Sekunden bei Bewusstlosigkeit. Beginn überwiegend in der Kindheit, wobei die Gefahr besteht, dass die Anfälle als Tagträumerei fehlgedeutet werden.
  • Tonischer Anfall: Verkrampfung der Gliedmaßen oder des gesamten Körpers ohne Zuckungen. Verharren in einer verkrampften Körperhaltung, möglicherweise Sturz. Die Dauer beträgt etwa 1 bis 30 Sekunden, eventuell verbunden mit Lautäußerungen und blass-blauer Haut.
  • Atonischer Anfall (auch: astatischer Anfall): Der Patient sackt in sich zusammen und sinkt schlaff zu Boden.
  • Mykolonischer Anfall: Anfälle vorwiegend in den frühen Morgenstunden nach dem Aufstehen. Der Patient ist in seinem Bewusstsein beeinträchtigt, Arme und Beine zucken.
  • Klonischer Anfall: Wiederholte rhythmischen Muskelzuckungen auf beiden Körperseiten oder am ganzen Körper. Treten fast nur im Säuglings- und Kindesalter auf.

Ist Epilepsie erblich?
Nur ein kleiner Teil der Epilepsien sind erblich bedingt. Das Vorkommen von Epilepsien in der Bevölkerung liegt bei ca. 1 Prozent. Das Risiko eines Kindes, an Epilepsie zu erkranken, liegt bei 6 Prozent, wenn ein Elternteil Epilepsie hat. Falls beide Eltern epilepsiekrank sind, erhöht sich das Risiko auf 10 Prozent bis 12 Prozent. Allerdings bleiben insgesamt 90 Prozent der Kinder epilepsiekranker Eltern ohne Epilepsie. Das Risiko einer Vererbung ist unabhängig von der Anfallsform. In der Regel erkranken Kinder, deren Eltern epilepsiekrank sind, bereits in jüngeren Lebensjahren an Epilepsie als ihre Eltern.

Ist Epilepsie ansteckend?
Nein.

Haben Zuckungen beim Einschlafen etwas mit Epilepsie zu tun?
Nein. Einschlafzuckungen sind keine Zeichen einer Epilepsie und gehen auch nicht mit Veränderungen im Elektroenzephalogramm (EEG) einher. Einschlafzuckungen erhöhen auch nicht das Risiko, an einer Epilepsie zu erkranken.

Was ist eine Aura?
Vom Kranken wahrgenommene Empfindung zu Beginn eines Anfalls, meist eines so genannten psychomotorischen Anfalls oder eines „großen“ Anfalls. Eine Aura kann allerdings auch isoliert, ohne nachfolgende Aura vorkommen.

Häufig ist eine epigastrische Aura, bei der ein nicht gut zu beschreibendes aufsteigendes Gefühl vom Magen angegeben wird, außerdem ein Geruch, ein Gefühl, eine fremde Umgebung schon zu kennen oder eine vertraute Umgebung als fremd zu empfinden. Allgemein gilt jede Empfindung, die unmittelbar dem Anfall vorausgeht, als Aura.

Die Angabe einer Aura ist wichtig, weil sie in der Regel auf einen fokalen Ursprung des Anfalls hinweist.

Was sind die Ursachen von Epilepsie?
Die Ursache von Epilepsie ist in ca. 50 Prozent der Fälle unbekannt, da sich keine Hinweise auf eine vermutete Grunderkrankung des Gehirns finden lassen. Man spricht dann von einer kryptogenen Epilepsie. Wenn die Ursache ganz unklar ist, spricht man von idiopathischer Epilepsie.

In den anderen 50 Prozent der Fälle kann eine wahrscheinliche Ursache gefunden werden. Man bezeichnet das als symptomatische Epilepsie. Zu den Ursachen gehören z. B. Hirnschäden aufgrund von Sauerstoffmangel während des Geburtsvorgangs, Hirnblutungen oder -entzündungen. Auch Hirnfehlbildungen, Gehirntumore oder Hirnverletzungen durch Unfall können das Gehirn schädigen. Schlaganfall, Hirnblutungen und Vergiftungen gehören ebenfalls zu den häufigeren Ursachen.

Ist Epilepsie eine Geisteskrankheit?
Mit einer Geisteskrankheit im Sinne einer psychischen Erkrankung hat Epilepsie nichts zu tun. Epilepsie beruht auf einer Funktionsstörung des Gehirns oder bestimmter Gehirnbereiche. Im Prinzip kann jeder Mensch an einer Epilepsie erkranken. Die Betroffenen haben unter vielen Vorurteilen zu leiden und sind in ihrem Alltagsleben besonderen Hindernissen ausgesetzt. Sie sind daher einer besonderen psychischen Belastung unterworfen, die psychologische Betreuung notwendig machen kann. Die psychologische Betreuung ist als Folge der Epilepsie zu sehen und häufig nur vorübergehend.

Nimmt die Intelligenz im Laufe der Epilepsie ab?
Normalerweise werden bei einem Anfall keine Gehirnzellen zerstört. Nur bei sehr langen Anfällen oder bei mehreren Anfällen hintereinander, zwischen denen der Betroffene das Bewusstsein nicht wieder erlangt (Status epilepticus), kann es zu Schäden im Gehirn kommen. Um solche Krampfschäden zu vermeiden, sollte eine Epilepsie frühzeitig erkannt und ausreichend behandelt werden.

Was kann einen epileptischen Anfall auslösen?
Äußere Umstände wie Schlafmangel, Alkoholgenuss, Flackerlicht im Fernsehen oder in der Disco, Stress, Überanstrengung, fieberhaft Infekte oder Höreindrücke können einen Anfall auslösen. Auch die Nichteinnahme bzw. das Vergessen von Epilepsie-Medikamenten kann einen Anfall auslösen.

Gehen im Anfall Gehirnzellen zugrunde?
Nach häufigen und lang dauernden großen Anfällen und im Status epilepticus können Nervenzellausfälle an bestimmten Stellen des Gehirns vorkommen. Bei einzelnen Anfällen sind Nervenzelluntergänge nicht sicher nachgewiesen. Veränderungen der Nervenzell-Leistung sind bei Tieren allerdings auch schon nach einem einzelnen Anfall beobachtet worden. Hierbei handelt es sich insbesondere um Gedächtnisleistungen, die vom Schläfenlappen des Gehirns ausgehen. Um Krampfschäden zu vermeiden, ist es wichtig, eine Epilepsie frühzeitig zu behandeln, damit möglichst wenige Anfälle auftreten und sich insbesondere kein Status epilepticus manifestieren kann.

Machen epileptische Anfälle aggressiv?
Die Frage, ob während oder unmittelbar nach epileptischen Anfällen aggressive Handlungen vorkommen, ist sehr gut untersucht worden und kann eindeutig verneint werden. Es gibt keine überzeugenden Belege, dass etwa Krach machen, wütendes Schreien, persönliche Beleidigungen, Drohungen oder gar klare Gewaltandrohungen durch epileptische Anfälle verursacht werden. Dies gilt auch für Türen schlagen, Unordnung machen, Gegenstände herunterwerfen, gegen Möbel treten, Scheiben einschlagen, Feuer legen oder mit Gegenständen werfen, die andere verletzen können.

Es gibt weiterhin keine Hinweise, dass drohende Gebärden, Rempeln, Schlagen, Treten, an Haaren ziehen während oder nach Anfällen als körperliche Aggression gegen Personen vorkommen.

Unbeabsichtigte Verletzungen
Was allerdings – glücklicherweise nicht häufig -  vorkommen kann, sind Verletzungen durch den Anfall wie Blutergüsse, Zahnverletzungen, Knochenbrüche. Diese sind aber keine körperlichen Aggressionen gegen sich selbst, sondern unbeabsichtigte Verletzungen.